Gemeinsam aufhören:
Aussetzen einer Praxis
Dass jemand mit etwas aufhört, ist aber eigentlich nur der erste von drei unterscheidbaren Fällen des Aufhörens. Der zweite Fall ist der, dass eine kollektive Praxis ein- gestellt wird, ohne dass die Praxis selbst als praktische Option dadurch aus der Welt verschwindet. Man kann also zum Beispiel die Kampfhandlungen einstellen, einen Waffenstill-stand vereinbaren und Verhandlungen aufnehmen. Man kann die Vermögensbesteuerung und die Grenzkontrollen abschaffen. Man kann die Sonderschulen auflösen und ihre Schüler in Normalschulen unterrichten. Man kann aufhören, analog zu fotografieren, und zur digitalen Fotografie übergehen. Das Phänomen ist auf den ersten Blick trivial: Ein großer Teil der sozialen Praktiken ist von vornherein darauf angelegt, nur befristet ausgeübt zu werden, und für viele andere gilt zumindest, dass ihre Ersetzbarkeit ein prinzipiell geläufiger Gedanke ist. Möglich ist dieses Phänomen aber nur deshalb, weil Praktiken unter bestimmten Bedingungen einander ersetzen können, weil das Wesen bestimmter Praktiken darin besteht, das Aufhören und Anfangen anderer Praktiken zu steuern, und weil die Evolution bestimmter Praktiken erwartete und unerwartete Nebeneffekte auf andere Praktiken hat.
Mit anderen Worten: Das Aufhören oder Aussetzen einer Praxis ist deshalb möglich, weil jede soziale Praxis in ein Sinngeflecht anderer Praktiken ökologisch eingebettet ist. Die Sinnbezüge können im Einzelnen vielfältig und undurchschaut sein. Das Bergsteigen ist ein aufschlussreiches Beispiel hierfür. Als spezifisch neuzeitliche Erscheinung ist seine Entstehung historisch an die neuzeitliche Landschaftswahrnehmung und an die Entstehung der Industriegesellschaft gekoppelt. Es kompensiert einen Mangel an leiblich-vitaler Herausforderung und ersetzt den fehlenden Krieg; es säkularisiert den einstmals als möglichen Sitz der Götter in Betracht gezogenen Ort zu einem Feld des sportlichen Wettbewerbs und der technischen Naturbeherrschung; später wird es zu einer Konsumpraxis und zu einer paradigmatischen Übung in der Freisetzung mentaler Kräfte, dient also (neuerdings jedenfalls) zur psychischen Vorbereitung auf eine Führungsposition in der Angestelltengesellschaft, ohne dass dadurch das kontemplative Moment des In-der-Natur-Seins und der Flucht in eine Gegenwelt zur Industriegesellschaft zwangsläufig aufgehoben wäre. Die Sinnverflechtungen dieser Praxis mit anderen Praktiken sind also vielfältig; es gibt viele Gründe, auf Berge zu steigen, obwohl es in früheren Epochen unüblich war. Letztlich kann man in der Moderne behaupten, man müsse diesen oder jenen Berg besteigen, weil er da sei;5 diese prominente Sinngebung bringt zum Ausdruck, dass sich die ökologische Verflechtung einer Praxis in ein weitläufiges kulturelles Sinngewebe gleichsam zur Selbstzweckhaftigkeit der Praxis aufsummieren lässt.
Ähnliches wie für das Bergsteigen gilt etwa für die abhängige Lohnarbeit als vorherrschende Form der Arbeitsorganisation. Sie ist historisch anthropologisch alles andere als selbstverständlich, aber in einem so hohen Maße in das Gewebe moderner wirtschaftlicher Praktiken verflochten, dass den Teilnehmern dieser Praxis ihre Teilnahme als Selbstzweck und als überwiegender Lebenszweck erscheinen kann. Man muss vielleicht nicht unbedingt der Versuchung nachgeben, zu behaupten, die Lohnarbeit sei eine reflexive Fortentwicklung der Sklaverei und der Leibeigenschaft. Richtig ist aber, dass die vorherrschende Form der Arbeitsorganisation natürlich in die Praxisumgebung der Wirtschaftsweise einer Epoche verstrickt ist und sich mit ihr verändern muss. Die rechtlichen Brüche, die dabei auftreten, können als Ende oder Abschaffung einer Praxis gedeutet werden, etwa als Abschaffung der Sklaverei oder der Leibeigenschaft. Prinzipiell ist aber auch jene andere Deutung möglich, dass die Praxis der abhängigen Beschäftigung über drei Jahrtausende hinweg – einer je nach Blickwinkel – selbstreflexiven oder durch die Evolution der Wirtschaftsweise gesteuerten Fortentwicklung unterliegt, die als solche nicht aufhören kann, weil jede Arbeitsteilung irgendeine Form von Leitung und Organisation erfordert und die Beschäftigung daher stets partiell unselbständig bleibt. Wenn man also den Begriff ‚einer‘ bestimmten Praxis nur weit genug fasst, entsteht der Eindruck, es gebe nur reflexive Evolution (oder auch unteleologische pfadabhängige Veränderung), ein Aufhören aber sei prinzipiell nicht möglich. Fasst man hingegen den Begriff einer bestimmten Praxis enger und redet etwa im Beispiel nicht allgemein von abhängiger Beschäftigung, sondern eben von Sklaverei, Leibeigenschaft und Lohnarbeit als unterschiedlichen Praktiken, so ist damit vor-gezeichnet, dass man Brüche, Abbrüche und Abschaffungen feststellen kann.
Leider kommt man durch diese Überlegung zu dem Schluss, dass das Denken des Endes einer Praxis überwiegend vom methodischen Begriffsspiel und von der Skalierung der Beobachtungsinstrumente abhängig ist. Unter der Lupe des Archäologen Foucault erscheint zum Beispiel die schleppende Selbstreflexion der Strafpraktiken als eine Folge von Brüchen, in denen jeweils etwas aufhört und etwas anderes beginnt. Man kann dann erkennen, dass freilich das Neue nicht vom Himmel fällt, sondern in vielen Fällen ein Übergreifen einer Praxisform auf Praxen einen anderen Anwendungsbereich darstellt – ein Übergreifen, das in dem neuen Anwendungsbereich eines jener realen Probleme zu lösen verspricht, die aus der Umwelt der Praxis hervorgehen. Die archäologisch-genealogische Lupe zeigt also nicht nur den Bruch, sondern sie zeigt auch die Interferenz mit anderen Praktiken im Moment des Aufhörens oder Anfangens einer Praxis. Dass eine bestimmte Praxis eine reflexive Fortentwicklung erfahren habe, ist zwar in vielen Fällen immer noch eine mögliche Beschreibung eines solchen Vorgangs, ist aber bereits eine Beschreibung, die die narrative Kontinuität methodisch privilegiert. Die archäologisch-genealogische Nahanalyse der historischen Kausalmechanik liefert hingegen ein ausgeglicheneres Bild, in dem deutlicher wird, was an den Praktiken weitergeht und was an ihnen aufhört. Dass dabei Interferenzen zwischen verschiedenen, ursprünglich getrennten Praktiken eine besondere Bedeutung gewinnen, verweist noch einmal darauf, dass das Verstehen ‚einer‘ Praxis und ihrer Fortentwicklung eben ein reduktionistisches Unternehmen ist, das durch die Untersuchung von Verflechtungen, d.h. durch die Untersuchung des materiellen Sinngewebes, von der jede Praxis umgeben ist, korrigiert werden muss.
Collective Cessation:
The Suspension of a Praxis
That someone ceases with something is actually only the first of three distinguishable cases of cessation. The second case is that a collective praxis is discontinued without the praxis itself vanishing from the world as a practical option. So, for instance, one can halt an offensive, agree on a ceasefire and start negotiations. One can abolish property taxation and border controls. One can dismantle the schools for special-education and enlist these students for normal classes. One can stop making analogue photographs and instead use a digital camera. In a first look, the phenomenon seems trivial: A large proportion of social praxes are designed to be temporary from the very beginning, and for many others, their substitutability is a fundamental principle. But this phenomenon is only possible because praxes can replace each other under certain conditions, because the essence of some praxes is to control the ceasing and starts of others, also because their development has expected and unexpected side-effects on each other.
In other words, ceasing or suspending a praxis is thus possible because each social praxis is ecologically embedded in a web of meanings, which links can be in detail complex and obscure. The alpinist is a good example of this. As a particularly modern phenomenon, its origin is historically linked to modern landscape perception and to the emergence of the industrial society. It compensates for a shortage of physical and vital challenges and substitutes the need for war; it secularises a place once considered the “throne of the gods” into a field for athletic competition and technical control of nature; Afterwards it became pure consumerism and a paradigmatic exercise for releasing intellectual impetus, in other words it serves (at least now) as a psychic training to run for a place inside the working-class society, without necessarily suspending that reflective moment of being-in-nature, and the escape from the industrial society into a counter-world would inevitably be lifted. The intersections of this praxis with others are thus manifold; there are many reasons to climb mountains, although it used to be unusual in earlier times. Ultimately, one can assert in modernity that one has to climb this or that mountain just because it is there;5 this remarkable interpretation indicates that the ecological links of a praxis in a widespread cultural web of meanings can be summed up, so to speak, to the self-serving nature of praxis.
Similar to alpinism, dependent wage labour is a predominant form of work-organisation. Historically and anthropologically, it is anything but evident, it is so tightly woven into the fabric of modern economic that its participation may appear to the practitioner as if it is an end in itself, or a purpose in life. It may not be necessary to give in to the temptation of asserting that wage labour is a reflexive extension of slavery and serfdom. In theory, however, it is also possible to interpret that the praxis of dependent employment is subject to self-reflexive development over three millennia — according to one's point of view — or is guided by the transformations of an economic system, which as such cannot cease because every distribution of labour requires some form of management, organisation and employment therefore remains partly dependent. Thus, if the term one particular praxis is interpreted in the broad sense, one gets the impression that there is only reflexive development (or also non-teleological path-dependent modification), but that in theory ceasing is not possible. If, on the contrary, one restricts the concept of certain praxis and, for instance, does not generally refer to conditional employment, but to slavery, serfdom and wage labour as different examples, then it is predetermined that ruptures, disruptions and abolishments can be determined.
Unfortunately, this consideration leads one to the conclusion that the thinking of the end of a praxis is predominantly dependent on the methodological conceptual game the scaling of the observation instruments. Under the magnifying glass of the archaeologist Foucault, for example, the sluggish self-reflection of the praxes appears as a series of ruptures in which something stops and something else begins. One can then recognise that the new does not fall from the from the sky, but in many cases represents a spillover of one form of praxis into another area of application. to another field of application - a spillover that, in the new field of application which promises to solve one of the real problems that arise from the environment of praxis. The archaeological-genealogical magnifying glass thus shows not only shows the rupture, but it also shows the interference with other praxes at the moment of the cessation or beginning of a praxis. That a certain praxis has undergone a reflexive further development is still a possible description of such a process in many cases, but it is already a description that methodologically privileges narrative continuity. The archaeological-genealogical close-up analysis of historical causal mechanics, on the other hand, provides a more balanced picture in which it becomes clearer what continues and what stops about the praxes. The fact that interferences between different, originally separate praxes gain a special significance in the process points once again to the fact that understanding a praxis and its further development is precisely a reductionist enterprise that must be corrected by examining interconnections, i.e., by examining the material fabric of meaning that surrounds every praxis.